Dr. Cornelia Wallner-Frisee – Africa Amini Alama
Wie sieht verantwortungsvolle Solidarität aus?
Anlässlich des bevorstehenden Tags der menschlichen Solidarität am 20.12.2023 stellt sich die Frage: “Wie sieht eigentlich verantwortungsvolle Solidarität aus?”. Ohne menschliches Miteinander geht es in unserer Welt nicht, es sorgt für ein friedliches, sicheres und gutes Zusammenleben. Ein Blick nach Tansania zeigt, was allein Solidarität erschaffen kann. Dr. Cornelia Wallner-Frisee, Ärztin und Leiterin der Hilfsorganisation Africa Amini Alama möchte in einem Interview darauf aufmerksam machen, was Solidarität ausmacht und wie wir uns am besten mit Menschen aus Afrika solidarisieren können.
Dr. Cornelia Wallner-Frisee, Ärztin und Geschäftsführerin des Vereins Africa Amini Alama lebt in Momella, Tansania und leitet den Verein Africa Amini Alama. „Africa Amini Alama“ (AAA) ist ein in Österreich, Deutschland, der Schweiz und den USA registrierter Verein und eine in Tansania registrierte NGO. Der Name der Initiative bedeutet „Afrika, ich glaube an dich“. Die Organisation umfasst heute eine Krankenstation, Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsprojekte, Schulen, ein Waisenhaus und vier Wasserprojekte. Finanziert werden die Projekte durch Spenden, eigene finanzielle Mittel, viele Helfer und das nachhaltige Tourismusprojekt „Africa Amini Life“.
Erzählen Sie ein wenig über sich.
In meinem Leben gibt es so viele verschiedene Abschnitte, daher ist es gar nicht einfach, mich selbst in nur wenigen Worten zu beschreiben. Ich habe so viele Facetten meines Seins gelebt, da müsste ich wohl sehr weit ausholen, dennoch möchte ich es versuchen: Ich bin Ärztin, Mutter, Abenteurerin und Managerin. Ich liebe die Natur und fühle mich in und mit ihr ganz zu Hause. Außerdem freue ich mich, unter Menschen zu sein, brauche aber auch die Zeit des Rückzugs und der Einkehr. Was mich zutiefst kennzeichnet ist, dass ich mich mein Leben lang von einer Kraft getragen gefühlt habe, die mich auch in schwierigen Lebenssituationen immer begleitet. Ich habe gelernt, auf diese innere Stimme zu hören, ihr zu vertrauen und zu folgen. Das macht mein Leben sehr facettenreich.
Wie sind Sie auf Afrika gekommen?
Wichtig ist vor allem, warum ich dortgeblieben bin. Grund dafür war das tiefe Gefühl, hier eine Aufgabe zu haben und es war die richtige Entscheidung, mit meinen beiden Kindern nach Tansania zu ziehen. Als ich 2010 meine Mutter bei der Eröffnung einer Krankenstation besuchte, spürte ich deutlich, dass hier eine Aufgabe auf mich wartet.
Seit wann wissen Sie, dass Sie in die Fußstapfen Ihrer Mutter treten wollen?
Es geht nicht um Positionen, es geht um jeden einzelnen Menschen, dem geholfen wird. Das ist die größte Aufgabe. Wenn man ein Projekt wie dieses leitet, ist es am wichtigsten, seiner inneren Stimme zu vertrauen. Würde ich in die Fußstapfen meiner Mutter treten, bestünde die Gefahr, mich nicht von meiner eigenen Intuition leiten zu lassen. Denn vieles läuft nicht nach Plan oder lässt sich nicht logisch begründen. Jede Person hat eine eigene Art, mit Herausforderungen umzugehen. Das macht ein Miteinander und ein Team so wertvoll. Hier eilt keiner dem anderen voraus oder hinterher. Jede:r folgt auf ihre und seine Weise dieser Kraft, die das große Ganze lenkt. Dazwischen ist viel Raum für Respekt und Bewunderung, für die großen und kleinen Schritte, die jede Person geht. Gemeinsam haben wir auf diese Art und Weise schon viele Lösungen gefunden.
Was motiviert Sie, Africa Amini Alama fortzuführen?
Viele Jahre haben meine Mutter und ich dieses Projekt gemeinsam geleitet und vor drei Jahren habe ich die Leitung übernommen. Die Frage nach der Motivation stellt sich nicht. Es ist eine herausfordernde, abwechslungsreiche und zutiefst erfüllende Aufgabe. Man kann mit relativ wenigen Mitteln so viel bewirken. Dieser Hebel, diese Gestaltungsmöglichkeiten in so vielen Bereichen faszinieren mich. Dabei bin ich getragen von der Freude am täglichen Tun und sehe manche Herausforderung als Teil eines Lernprozesses. Doch das Wichtigste für mich ist die Liebe zu den Menschen, denen ich hier in so vielfältigen Situationen begegne.
Wofür steht Africa Amini Alama?
Africa Amini Alama heißt frei übersetzt: Afrika, ich glaube an dich. Wir haben hier ein Zeichen (Alama) des Vertrauens (Amini in Swahili) gesetzt. In so vielen Situationen konnten wir nur Lösungen finden, weil wir ein tiefes Vertrauen in die Menschen und in die Kraft haben, die dieses Projekt zu dem gemacht haben, was es heute ist. Die Menschen vertrauen uns und wir vertrauen ihnen, dass unser gemeinsames Wissen bestmöglich umgesetzt wird.
Was bedeutet verantwortungsvolle Solidarität?
Es geht darum, anderen zu helfen oder sie auf eine Art und Weise, die nachhaltig und im besten Interesse aller Beteiligten ist, zu unterstützen. Für mich ist diese Art des Engagements eher eine Herzensqualität als ein intellektueller Akt. Verantwortungsvolle Solidarität ist gelebte Nächstenliebe, die daraus erwächst, dass man sich mit ganzem Herzen auf sein Gegenüber einstellt und sich ihm ganz hingibt. Daraus kann etwas Großes entstehen.
Warum ist Ihnen das Thema verantwortungsvolle Solidarität ein großes Anliegen?
Ich erlebe hier jeden Tag Menschen, die in unsere Klinik kommen und Hilfe suchen. Viele von ihnen leben in schwierigen Situationen und ich staune oft, wie sie mit den wenigen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, ihren Alltag meistern. Da gibt es viele Momente, die mich tief berühren. Einer dieser Momente ist die Begegnung mit einer Frau, die selbst kaum Mittel zur Verfügung hatte und zu uns kam, um eine Krankheit behandeln zu lassen. Am Ende unseres Gesprächs bat sie um Hilfe. Das ist nichts Neues für mich, aber es berührte mich, dass sie nicht um Hilfe für sich selbst, sondern für ihre Nachbarin bat, die offenbar noch weniger zur Verfügung hatte. Nachbarschaftshilfe und Hilfe innerhalb eines Familienclans sind hier oft die einzige Möglichkeit für Menschen, in schwierigen Lebenssituationen zu überleben. In einem Land, in dem der Staat kaum Verantwortung für Einzelschicksale übernimmt, ist die Solidarität untereinander die Basis des Überlebens.
Solidarität mit Afrika hat eine lange und nicht immer positive Geschichte – in welche Richtung entwickeln wir uns jetzt gerade?
Ich lebe mit den Menschen und sehe ihre Nöte. Da ist es natürlich, dass ich einen Beitrag leisten möchte, um die Lebenssituation der Menschen, die auf einen zukommen, ein wenig zu erleichtern. Ich glaube, es ist viel verlangt, dasselbe zu empfinden, wenn Menschen 8.000 km weiter nördlich leben und vielleicht noch nie einen Fuß auf den afrikanischen Kontinent gesetzt haben. Aber wo wir selbst anfangen und vom Beispiel Afrika lernen können, ist nicht in die Ferne zu schauen, sondern beim eigenen Nachbarn oder in der eigenen Großfamilie anzufangen. Hinzuschauen, wenn Menschen unausgesprochen die eine oder andere Unterstützung brauchen. Das muss nicht immer Geld kosten, denn das Wertvollste, das wir einander geben können, ist Zeit.
Die Hilfen für Afrika können Abhängigkeit und Korruption fördern – was halten Sie dem entgegen?
Jede Hilfe im In- und Ausland birgt diese Gefahr in sich. Leider wird das aber oft als Ausrede benutzt, um nicht aktiv zu werden. Als Ärztin weiß ich, dass jedes Medikament Nebenwirkungen haben kann und dass es auf die richtige Art und Weise ankommt, wie man es verabreicht. Niemand würde die Schulmedizin an sich komplett verneinen, aber wir finden Wege, sie dort einzusetzen, wo es akut notwendig ist und den Heilungsprozess unterstützt. Es ist die Kunst des ärztlichen Berufs, sie richtig einzusetzen. Hier sehe ich große Verantwortung innerhalb der Hilfsorganisationen. Wenn man hier vor Ort lebt, kann man sich ein gutes Bild machen und mit einem erfahrenen und geschulten Auge oft wesentliche Schritte in die Wege leiten. Viele Menschen haben das Vertrauen in die großen Hilfsorganisationen verloren, was ich gut verstehen kann. Das heißt aber nicht, dass Menschen, die sich mit ihren eigenen Herzensprojekten in Afrika engagieren, nicht viel Gutes für die Menschen tun können. Es sind oft nicht die schnellen Erfolge, die zählen, sondern die Veränderungen, die über Jahre, eine ganze Generation hinweg, das Leben der Menschen verändern. Wenn ich die heute 17-jährigen Sekundarschüler ansehe, das Leuchten in ihren Augen, den Lebenswillen, die Kraft, die sie ausstrahlen, dann weiß ich, dass sich die lange Arbeit und die vielen Hilfsbeiträge von unseren Unterstützer:innen gelohnt haben.
Wie weit sind wir mit der vielzitierten Augenhöhe?
Jemandem Anderen auf Augenhöhe zu begegnen, ist eine Lebenseinstellung. Für viele ist sie eine Selbstverständlichkeit, für andere eine Lebensaufgabe. Sie kann im eigenen Umfeld eingeübt werden, mit den Menschen, denen wir im Alltag begegnen. Das Thema ist nicht auf Afrika beschränkt, sondern allgegenwärtig. Können wir unserem Gegenüber vorurteilsfrei begegnen? Können wir die Menschen, mit denen wir in Kontakt kommen, unabhängig von ihrer Geschichte wahrnehmen? Vielen von uns fällt das schwer. Bei einem Aufenthalt hier in Afrika wird das umso deutlicher. Man kann sehen, dass es viele unserer Gäste berührt, wenn sie in der Klinik mit afrikanischen Ärztinnen und Ärzten sprechen, in den Schulen Lehrerkolleg:innen beim Unterrichten beobachten oder mit einem unserer Guides die Natur erleben. Durch den direkten Kontakt mit den Menschen während einer Reise verschieben sich die Perspektiven. Man bekommt Respekt davor, mit wie wenig Medikamenten eine Ärztin/ein Arzt oder eine Krankenpflegerin/ein Krankenpfleger hier den Menschen helfen kann, wie gut in den Schulen mit begrenzten Ressourcen Wissen vermittelt werden kann und wie schnell die Augen des Guides einen Löwen erkennen, wo Gäste bisher nur Gras gesehen haben. Berührende Momente von Gästen, die den Aufstieg auf den Mount Meru wagen und sich in so mancher lebensbedrohlichen Situation ganz auf ihren Bergführer verlassen müssen. Hier kommen sich so manche Bergsteiger klein vor, wenn diese erfahrenen Guides, manchmal in Flip-Flops, sich den Weg zum Gipfel bahnen. Sich hierauf für ein paar Tage einzulassen, verändert Perspektiven, bringt Respekt und hilft, sich auf Augenhöhe zu begegnen.
Gibt es etwas, dass jeder Mensch tun kann, um sich solidarisch zu zeigen?
Es geht nicht darum, solidarisch zu sein, sondern Solidarität als Grundwert im Herzen zu tragen. Solidarität kann nicht gelernt, sondern muss erlebt werden. Zum Beispiel Kinder, die erfahren, wie ihre Eltern liebevoll mit ihrer Umwelt umgehen. Ein Vorbild zu haben ist sicher die beste Art zu lernen und von uns Eltern eine Verantwortung gegenüber der nächsten Generation. Aber nicht nur im Freundes- oder Familienkreis, sondern auch mit Fremden im Alltag, nur so können sich die Völker in Zukunft friedlicher begegnen. Ein Aufenthalt in einem fremden Land wie Tansania, einem Land der gelebten Solidarität, wirkt ansteckend, stellt viele Werte in Frage und kann zum Umdenken anregen. Ein authentischer Urlaub abseits der üblichen Touristenpfade ist eine Erfahrung, die bei uns schon viele Familien, vor allem mit Kindern, tief bewegt hat. Der Mut, sich darauf einzulassen, könnte ein erster Schritt sein.
Über Africa Amini Alama
Africa Amini Alama“ (AAA) ist ein in Österreich, Deutschland, der Schweiz und den USA registrierter Verein und eine in Tansania registrierte NGO. Der Name der Initiative bedeutet „Afrika, ich glaube an dich“. Die Organisation umfasst heute eine Krankenstation, Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsprojekte, Schulen, ein Waisenhaus und vier Wasserprojekte. Finanziert werden die Projekte durch Spenden, eigene finanzielle Mittel, viele Helfer und das nachhaltige Tourismusprojekt „Africa Amini Life“.