Sabine Flicker – Leiterin der Antikörper-Arbeitsgruppe am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der MedUni Wien

Sabine Flicker – Leiterin der Antikörper-Arbeitsgruppe am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der MedUni Wien

Foto, Fotocredit & Quelle: © Sabine Flicker

[Werbung]*Unbezahlt*Wien, 20.03.2023

frauen-business.at hat mit Sabine Flicker, PhD, Assoc. Prof. über ihre Rolle als Forscherin gesprochen und auch darüber, wie sie die Rolle der Frau in der Wissenschaft sieht. Außerdem gibt sie uns einen tiefen Einblick in das Daily Life einer Wissenschaftlerin. Sabine Flicker leitet die Antikörper-Arbeitsgruppe am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der MedUni Wien.


f-b.at: Sabine, Du hast als Frau in der Wissenschaft eine beachtliche Karriere gemacht – bist assoziierte Professorin an der Medizinischen Universität Wien am Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie. Was gehört zu Deinen Aufgaben als assoziierte Professorin?

S.F: Zu meinen Aufgaben zählt vor allem die selbständige Forschung sowie das Einwerben von Drittmittel zu Fachfragen, die noch nicht beantwortet sind, mit denen ich meine Mitarbeiter:innen zahle. Die selbständige Vorbereitung und Abhaltung von Lehrveranstaltungen sowie die Betreuung von Studierenden (Master und PhD Studierenden) macht auch einen großen Teil meiner Arbeit aus. Dazu gehört auch die Abnahme von Prüfungen, die Betreuung und Beurteilung von Masterarbeiten und Dissertationen. Ein weiterer spannender Aspekt ist meine Rolle als Editorin und Reviewerin (Gutachterin) für verschiedene Fachjournale. Zurzeit arbeite ich zum Beispiel als Gasteditorin mit einem schwedischen Kollegen an einer Spezialausgabe über unser Fachgebiet: „Allergen-spezifische Antikörper- von der Grundlagenforschung zur klinischen Anwendung“. Kongressfortbildung, das Aufbauen von internationalen und nationalen Kooperationen gehört genauso dazu, um gemeinsam Fragestellungen besser beantworten zu können. Natürlich muss ich mich auch um diverse Verwaltungsaufgaben kümmern.

 

f-b.at: Wann hast du zum ersten Mal dein Interesse für Wissenschaft entdeckt?

S.F: Ich habe schon mit 16 Jahren gewusst, dass ich Forscherin werden will und es war definitiv die richtige Entscheidung. Ich liebe meinen Job, es ist eine absolute Berufung. Als ich am Ende meines Diplomstudiums während eines Praktikums meinen Dissertationsbetreuer und späteren Mentor kennen gelernt habe, war die Leidenschaft für Allergie und vor allem für monoklonale (allergen-spezifische) Antikörper entfesselt und in meinem Hirn eingemeißelt. Es war sofort klar, das ist es für mich und hat mich seitdem nie mehr losgelassen.

 

f-b.at: Hat Dich die Herangehensweise Deiner Leherer:innen in deiner Entdeckungsfreude beeinflusst?

S.F: Ja, definitiv. Ich habe mir von jedem/r meiner Lehrer:innen das Beste abgeschaut.

 

f-b.at: Wie war Dein bisheriger beruflicher Weg bis zu Deiner heutigen Position – steinig oder easy?

S.F: Ich arbeite nun seit 27 Jahren am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung und leite seit 14 Jahren meine eigene unabhängige Arbeitsgruppe. Der bisherige Weg war ein sehr langer und lange ohne Aussicht auf eine permanente Stelle. Ich habe mich von einem Drittmittelprojekt zum nächsten weiterfinanziert, um meine Projekte weiterführen zu können. 2015 war es dann soweit – endlich ein unbefristeter Arbeitsvertrag als Assozierte Professorin an der Medizinischen Universität Wien, nach fast 20 Jahren. Dieser Vertrag ist an eine Qualifizierungsvereinbarung mit der Meduni Wien gebunden. Meine Qualifizierung als Assozierte Professorin wird nun alle 6 Jahre evaluiert, wobei die Schwerpunkte der Evaluierung bei den Themen publizieren, Drittmittelaquise und Lehre liegen.

 

f-b.at: Wer oder was hat Dich besonders inspiriert, in der Forschung zu bleiben und nicht in die Privatwirtschaft zu gehen?

S.F:  Mein eigener Wunsch und Wille. Es ist die Freiheit in der Forschung, Fachthemen, Mitarbeiter:innen und Kooperationspartner:innen selbst auszuwählen und die eigenen Projekte in die Richtung und dem Ausmaß gemeinsam voranzutreiben, die/das man selbst für das beste hält.

 

f-b.at: Was macht Dich als Wissenschaftlerin persönlich aus?

S.F: Neugierde, Abenteuerlust, Vorfreude auf das Unbekannte zuzugehen, Fragen nachzugehen, die ich beantworten will, Liebe zum Fach, Interesse, weiters Persistenz, Bestimmtheit, Euphorie, Lockerheit, Flexibilität nicht in Konventionen zu denken, Kompetenz und der Wunsch gemeinsam die beste Lösung zu finden, definitiv keine Selbstgefälligkeit, sondern Respekt und Wertschätzung für meine Weggefährten.

 

f-b.at: Mit welchem Forschungsthema beschäftigst Du Dich derzeit?

S.F: Mit allergen-spezifischen Nanobodies. Das sind ganz kleine Antikörper, die aus dem Serum von Kamelen, Dromedaren und Alpakas gewonnen werden und trotz ihrer geringeren Größe alle Eigenschaften von Antikörper besitzen. Nanobodies sind völlig faszinierende, kleine mächtige Kerle.

 

f-b.at: Was begeistert Dich an Deiner täglichen Arbeit?

S.F: Die Vielfalt meiner Aufgaben und das Privileg in einem schnelllebigen Alltag, die Zeit zu haben über wichtige gesundheitliche Fragen nachzudenken und sie gemeinsam mit meinen Mitarbeiter:innen versuchen zu beantworten. Ich muss sagen, wenn die Augen meiner Mitarbeiter:innen oder von Studierenden, die ich während ihrer Praktika betreuen darf, vor Begeisterung leuchten, dann bin ich am glücklichsten im Arbeitsalltag, das gibt mir unendlich viel Kraft und positive Energie.

 

f-b.at: Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

S.F.: Sehr viel Troubleshooting, sprich Erklärungen/Lösungen zu finden, warum Experimente nicht funktioniert haben, um zu erkennen, ob es methodisch ein Problem gibt oder unser Lösungsansatz für die Fragestellung nicht korrekt ist. Eng verknüpft damit ist, Mitarbeiter:innen zu betreuen, zu motivieren und zu führen. Weiters sitze ich leider viel am PC, um an Publikationen zu arbeiten, Anträge für Drittmittel zu schreiben, oder rezente Fachliteratur zu studieren und ihre Auswirkung auf unsere Fragestellungen zu beurteilen. Ich darf verschiedene fachliche Beiträge korrigieren, bereite Vorträge oder Vorlesungen vor. Durch die Pandemie ist meine Reisetätigkeit in den letzten Jahren stark zurückgegangen, was ich aber durchaus als positiv empfunden habe, weil ich die Zeit für unsere Projekte genützt habe.

 

f-b.at: Was war Dein größter Glücksmoment als Wissenschaftlerin?

S.F: Da gab es gleich mehrere ganz große Glücksmomente. Zunächst war es das geschaffte Dokorat, dann definitiv die erworbene Venia dozendi (Habilitation). Beides habe ich ausgiebig und mehrmalig gefeiert. Aber auch die Zusage von eingeworbenen Drittmitteln ist Erleichterung und Glücksmoment zugleich. Ein ganz besonderer Moment war meine erste Publikation als Korrespondierende und Letztautorin, das war Stolz gepaart mit totaler Zufriedenheit.

 

f-b.at: Und wie sah Dein größter Frustmoment aus?

S.F: Sehr enttäuscht war ich ein paar Mal, weil ich wichtige Wissenschaftspreise nicht gewonnen habe. Und gelegentlich gibt es kurzzeitig Frust, wenn Experimente nicht klappen. Aber nachdem wir darüber geschlafen haben, findet sich am nächsten Tag schon eine Lösung oder zumindest eine Erklärung, und das stachelt ja wieder an, es besser zu machen. Wenn ich ehrlich bin, muss man als Forscher:in sehr resistent gegenüber Tiefschlägen sein, sonst ist man der Branche definitiv nicht gewachsen.

 

f-b.at: Was ist Dein großes Ziel als Wissenschaftlerin?

S.F: Der Nobelpreis! Nein, Spaß beiseite, mein größter Wunsch ist niemals diese unendliche Freude an meiner Passion zu verlieren und mir bis zuletzt die Flexibilität in meiner Denkweise erhalten zu dürfen. Somit ist mein Ziel, noch viele wunderbare Jahre gemeinsam mit jungen, begeisterten Menschen an spannenden Fachfragen zu arbeiten und Antworten zu finden.


f-b.at: Was ist Dein liebstes technisches Forschungsspielzeug und was kann es?

S.F: Ein Lieblingsspielzeug habe ich gar nicht, es gibt ein Gerät (Biacore) mit dem die Stärke und Dauer der Bindung von zwei oder mehreren Proteinen bestimmt werden kann. Diese Messungen sind immer wieder faszinierend, weil wir sie real-time (in Echtzeit) beobachten können.

 

f-b.at: Was wünschst Du Dir für die Zukunft Deines Fachgebietes?

S.F: Weiterhin finanzielle Unterstützung von Forschungsförderern wie dem Wissenschaftsfonds (FWF) für die Allergieforschung und interessante Begegnungen mit Kolleg:innen, um gemeinsam Projekte in neue und spannende Richtungen zu entwickeln.

 

f-b.at: Wie wichtig sind Social Media Kanäle wie Facebook, Pinterest und Instagram für die Forschung?

S.F: Sehr wichtig. Ich nütze die Facebook Gruppen meiner jetzigen Mitarbeiter:innen, um neue Mitarbeiter:innen zu finden. Die MedUni Wien hat einen eigenen YouTube-Kanal, um wichtige Informationen zu verbreiten. Pinterest und Instagram verwende ich nicht, aber unlängst durfte ich mein erstes Podcast Interview für PhD Studierende geben, zum Thema: „Was muss ich bedenken, wenn ich meine erste Publikation schreibe?“.

 

f-b.at: Wie macht man deiner Erfahrung nach die wissenschaftliche Forschung für junge Leute, vor allem für Frauen zugänglicher?

S.F: Es wird in diese Richtung schon sehr viel gemacht. Allem voran ist hier die Kinderuni (heuer zwischen 8. und 22. Juli 2023) zu nennen, die mit zusätzlichen Programmen wie Kinderuni on tour und Kinderuni online wirklich sehr viel anbietet. Weiters gibt es zum Beispiel, den Töchtertag (heuer am 27. April) und den Frauentag (8. März), wo Frauenförderung in der Wissenschaft speziell behandelt werden Frauen bzw. Mädchen eingeladen sind, mitzuforschen.  Wir experimentieren mit Mädchen und Burschen während ihren Berufspraktischen Tagen und bieten Sommerpraktika an für Studierende, die ganz am Anfang ihres Studiums stehen. Heuer darf ich bei einer Summer School inklusive Praktikum mitwirken, wo Jugendliche aus sozial schwachen Familien bei Ihrem Wunsch Medizin zu studieren, fachlich und finanziell unterstützt werden. Auch der Wirkungsgrad der “Langen Nacht der Forschung” (findet wieder 2024 statt), junge Menschen zu erreichen ist nicht zu unterschätzen.

 

f-b.at: Fühlst Du Dich als Frau in der Forschung benachteiligt?

S.F: Ich weiß, dass für die MedUni Wien Chancengleichheit ein zentrales Anliegen ist. So gibt es eine Stabstelle „Gender Mainstreaming und Diversity“, die sich der Gleichstellung und Frauenförderung auf allen Qualifikationsstufen, und besonders in den Führungspositionen widmet, mit dem Ziel die Frauenquote zu erhöhen. Deswegen gab es auch zum Bespiel in letzter Zeit Frauencalls für verkürzten Berufungsverfahrens gemäß § 99 zur Universitätsprofessorin. Weiters gibt es einen Club der Professorinnen an der MedUni Wien, der sich der Aufgabe widmet, die Karrieren von Frauen an der MedUni Wien zu fördern. Auch bietet unser Referat für Personalentwicklung immer wieder mehrtägige Seminare zum Thema Karriere, Ausbildung zur Führungskraft und ähnliches an. Es passiert zum Thema Frauenförderung also wirklich einiges an der Uni. Nichtsdestotrotz muss ich schon erwähnen, dass der Männeranteil bei hohen Führungspositionen an der MedUni Wien noch immer sehr hoch ist, so werden bei 13 Zentren der MedUni Wien nur 5 Zentren von Frauen geleitet.

Zur Frage, ob ich als Frau persönlich benachteiligt wurde? Jein! Als Mitarbeiterin vom Vorgesetzten je höher ich die Karriereleiter geklettert bin, wobei ich mir die ehrliche Frage stelle, ob das nicht auch passiert wäre, wenn ich ein Mann wäre. Ich weiß aber von einigen Kolleginnen, dass sie definitiv benachteiligt wurden, indem sie bei einzelnen Karriereschritten (z.b. Habil, Grant Einreichung, Publikation als Korrespondierende Autorin) erfolgreich abgehalten wurden.

 

f-b.at: Forschen Frauen anders als Männer?

S.F: Definitiv, den meisten Männern ist es sehr wichtig zu wissen und kundzutun, was sie persönlich geschafft haben. Die Frauen, mit den ich zusammengearbeitet habe und arbeite, sind da wesentlich entspannter und arbeiten an den Fragestellungen und ihrer Beantwortung, also mehr an der Sache.

 

f-b.at: Du hast eine hohe Position in der Wissenschaft. Wie gehen Deine Kollegen, Auftraggeber etc. mit dieser Position um?

S.F: Sie nehmen mich ernst.

 

f-b.at: Was ist Dir wichtig in Deinem Arbeitsumfeld bzw. bei Deinen Mitarbeiter:innen?

S.F: Meine Mitarbeiter:innen sollten folgendes für ihre Arbeit mitbringen:
Begeisterung, Durchhaltevermögen, Einsatz, Klarheit, Elan, Organisation, Vorausschauen und Loyalität. Weiters freue ich mich immer über Fragen, die ich nicht sofort beantworten kann, das hält die grauen Zellen frisch.

 

f-b.at: Was würdest Du der nächsten Generationen raten – in der Forschung oder in der Privatwirtschaft arbeiten?

S.F: Das kommt sehr auf den Charakter an. Die relevanten Fragen, die es zu beantworten gilt: Freiheit oder Geld? Beruf oder Berufung?

 

f-b.at: Wann und wo schaltest du ab?

S.F:  Jeden Abend, entweder mit Sport (Klettern) oder einem guten Gespräch mit einem guten Glas Wein mit meinem Partner. Und natürlich im Urlaub, am Surfbrett, einem Buch oder den weiten Blick aufs Meer.

 

f-b.at: Welche drei Dinge sind dir am wichtigsten?

S.F: Für die Forschung: Publikationen, Drittmittel und Mitarbeiter:innen.
Fürs Leben: Zufriedenheit, Freiheit, Erfolg

 

f-b.at: Wo siehst Du Dich in 5 Jahren?

S.F: Soweit denke ich gar nicht. Ich lebe im Hier und Jetzt und denke in Meilensteine für den Erfolg unserer Projekte.

 

f-b.at: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg und Freude!


 

Mehr Infos zu Sabine Flicker und ihrer Arbeit kann man hier finden:


https://pii.meduniwien.ac.at/unsere-abteilungen/institut-fuer-pathophysiologie-und-allergieforschung/ag-antikoerperforschung/


https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/detailseite/2019/news-im-maerz-2019/neue-hoffnung-fuer-saisonale-allergikerinnen/

 

https://www.meduniwien.ac.at/web/forschung/researcher-profiles/researcher-profiles/detail/?res=sabine_flicker&cHash=7c203006ade50a2f414ad7b055bee527

 

Über das Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie der Medizinischen Universität Wien:

https://www.meduniwien.ac.at/hp/cepii/

 

Über das Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung

https://www.meduniwien.ac.at/hp/ipa/

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