Meeres- und Klimaexpert*innen fordern, Meeresschutz in die Klimapolitik aufzunehmen

Meeres- und Klimaexpert*innen fordern, Meeresschutz in die Klimapolitik aufzunehmen

Foto: “Meeresschildkröte” / Fotocredit & Quelle: © Environmental Justice Foundation (EJF)

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Bündnis aus über 100 internationalen Organisationen sowie Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik und Kultur fordert, den Schutz des Ozeans und mariner Ökosysteme ins Zentrum der Klimapolitik zu rücken


Mehr als 60 Partnerorganisationen und über 50 Wissenschaftler*innen, politische Vertreter*innen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens fordern, den Schutz sowie die Wiederherstellung von Meeres- und Küstenökosystemen in die internationale Klimapolitik aufzunehmen. Der offene Brief, der von der Environmental Justice Foundation (EJF) aufgesetzt wurde, wird im Vorfeld der UN-Klimakonferenz (COP26) im November 2021 an ausgewählte Regierungsvertreter*innen auf der ganzen Welt übergeben.

 

Der Schutz sogenannter „blauer“ Kohlenstoffspeicher ist eine große Chance im Kampf gegen die Klimakrise, so heißt es in dem Brief. Blauer Kohlenstoff befindet sich in jedem Teil des marinen Ökosystems: von den Küsten, wo Mangrovenwälder bis zu viermal mehr Kohlenstoff pro Hektar speichern als tropische Regenwälder und Seegraswiesen weltweit fast 20 Gigatonnen Kohlenstoff speichern, bis hin zum offenen Meer, wo die  großen Wale jedes Jahr riesige Mengen an Kohlenstoff in ihren Körpern binden.

Weltweit enthält der Ozean etwa 49-mal so viel Kohlenstoff wie die Atmosphäre. Meereslebewesen nehmen mehr als die Hälfte des biologischen Kohlenstoffs auf. Doch die internationale Klimapolitik vernachlässigt den Schutz dieser Speicher bislang – mit schwerwiegenden Folgen für das Weltklima: Der jährliche Verlust von Seegras setzt schätzungsweise 299 Millionen Tonnen Kohlenstoff pro Jahr frei. Für küstennahe Feuchtgebiete erhöht sich diese Zahl auf 450 Millionen Tonnen.

 

Europaabgeordnete und Parlamentarier*innen aus Deutschland, Großbritannien, Taiwan und Indonesien sowie Klima-, Meeres- und Menschenrechtsexpert*innen haben den Brief gezeichnet, um auf die essentielle Bedeutung von Meeres- und Küstenökosystemen zur Begrenzung der globalen Erwärmung aufmerksam zu machen – darunter Steffi Lemke (MdB), parlamentarische Geschäftsführerin und naturschutzpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen; Sarah Wiener (MdEP), Fraktion der Grünen / Freie Europäische Allianz; Ralph Lenkert (MdB), Die Linke; Prof. Pavel Kabat, Hauptautor des IPCC- Berichts und erster Forschungsdirektor der UN-Weltorganisation für Meteorologie; Prof. Dr. Hermann Ott, Vorsitzender von ClientEarth e.V. – Anwälte der Erde; Prof. Dr. Silja Klepp, Mitbegründerin von EnJust; Dr. Georg Winter, Umweltökonom und Begründer eines umweltgerechten Management-Ansatzes; und Baroness Helena Kennedy QC, Anwältin für Menschenrechte.

 

Der Brief fordert von Entscheidungsträger*innen der internationalen Gemeinschaft:

 

  1. Aufnahme spezifischer, rechtlich bindender Ziele zum Schutz und zur Wiederherstellung von Gebieten, in denen blauer Kohlenstoff vorkommt, in die nationalen Pläne für die Implementierung der Klimaschutzziele (Nationally Determined Contributions, NDCs);
  1. Verpflichtung zum 30×30 Ozeanschutzplan und Schutz von 30 % des Ozeans in Formökologisch repräsentativer Meeresschutzgebiete bis 2030;
  1. Vereinbarung eines internationalen Moratoriums für den Tiefseebergbau, um die Tiefsee vor irreversiblen, großflächigen Schäden zu schützen.

Die Wiederherstellung und der Schutz mariner Lebensräume muss mit einer ehrgeizigen, sektorenübergreifenden Dekarbonisierung einhergehen und darf nicht als Rechtfertigung eines “Business-as-usual”-Ansatzes in anderen Sektoren benutzt werden.

 

Der Brief, der nun auch von Bürger*innen weltweit unterzeichnet werden kann, hat eine breite Unterstützung von prominenten Persönlichkeiten erfahren, darunter Ökologe und Autor Carl Safina, Modedesignerin Vivienne Westwood, Fotograf und Filmemacher Paul Nicklen, Tierfilmer Gordon Buchanan, die olympischen Surferinnen Ellie Turner und Lucy Campbell sowie weitere Künstler*innen, Autor*innen und Klima-, Meeresschutz- und Umweltaktivist*innen aus der ganzen Welt. Auch nachhaltige Unternehmen, wie die Triodos Bank, haben ihre Unterstützung zugesagt.

 

Zitate

Steve Trent, Geschäftsführer der EJF:

„Der Ozean schenkt uns jeden zweiten Atemzug und absorbiert etwa ein Drittel des CO2, das wir ausstoßen. Naturbasierte Lösungen wie die Wiederherstellung und der Schutz der marinen Lebensräume werden uns helfen, die globalen Emissionsreduktionsziele zu erreichen und die schlimmsten Auswirkungen der globalen Erwärmung zu verhindern. Zugleich schützen sie das Leben und die Lebensgrundlagen der drei Milliarden Menschen, die weltweit von der marinen Biodiversität abhängen. Unsere politischen Entscheidungsträger*innen müssen die Dringlichkeit der Klimakrise erkennen und wirklich mutige, transformative Maßnahmen ergreifen, um eine globale kohlenstofffreie Wirtschaft zu verwirklichen.“

 

Ralph Lenkert, MdB, Die Linke:

„Das größte Problem für unsere Meere sieht man nicht, es ist die Aufheizung durch den Klimawandel und die Versauerung der Meere durch immer mehr CO2. Aber alle anderen Probleme wie Vermülllung, Überfischung, Bergbau und Schifffahrt kommen hinzu. Damit meine Urenkelinnen und Urenkel auch intakte Meere kennenlernen können, unterstütze ich den offenen Brief zum “Meeresschutz in der Klimapolitik” mit seinen Forderungen.”

 

Steffi Lemke, MdB, parlamentarische Geschäftsführerin und naturschutzpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion:

„Meere brauchen einen wirksamen Schutz, um ihre Funktion im Klimaschutz zu erhalten.”

 

Professor Paval Kabat:

„Der Ozean ist ein zentraler, lebenswichtiger Teil unseres Klimasystems und er muss als solcher anerkannt und geschützt werden. Die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoff durch marine Ökosysteme sind immens wertvoll. Die Bekämpfung des Klimawandels erfordert einen ganzheitlichen Systemansatz, der anerkennt, dass sowohl unsere marinen als auch terrestrischen Ökosysteme eine entscheidende Rolle spielen, ebenso wie jeder Teil unserer Gesellschaft.“

 

Fabian Ritter, M.E.E.R. e.V.:

„Wale und Delfine spielen wichtige Rollen im Ökosystem Meer und halten es somit im Gleichgewicht. Wenn wir sie schützen, tragen wir auch dazu bei, dass die Ozeane ihre enorm wichtige Bedeutung bei der Abmilderung der Folgen des Klimawandels wahrnehmen können.“

 

Verena Platt-Till, Gesellschaft zur Rettung der Delphine e.V.:

„Klimaschutz ist Meeres- und Artenschutz! Wenn wir das weiterhin ignorieren, dann wird es in der Zukunft nicht „nur“ kein Leben mehr in den Meeren geben, sondern gar keines mehr.”

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