Wie WhatsApp sowie Zuwanderung die deutsche Sprache verändern
„Ehrenmann“ beziehungsweise „Ehrenfrau“ ist von einer Experten-Jury des Langenscheidt-Verlags zum Jugendwort des Jahres gekürt worden. Es bezeichnet jemanden, der etwas Besonderes für einen tut. Sheeesh? (Wirklich?). Die Verleihung ist umstritten, weil es sich um eine Werbeaktion des Langenscheidt-Verlags handelt, was ihrer medialen Bedeutung keinen Abbruch tut. Welchen Einfluss haben Jugendsprache, Migration, soziale Netzwerke auf die heutige Jugend und die deutsche Sprache?
Erinnern wir uns an unsere eigene Jugend in der alles „cool“, „geil“ und „abgefahren“ war. Wie die Zeit verfliegt, inzwischen benutzt die Jugend von heute Ausdrücke wie „lit“, „lan“ oder „AF (toll, Typ, as fuck) und die ältere Generation sieht beim Versuch, die neuen Ausdrücke zu verwenden, ziemlich „wack“ (schlecht) aus. Jede Zeit hat ihre Jugendwörter. „Die Wahl selbst hat mit dem realen Sprachgebrauch nichts zu tun. Zwischen den einzelnen Dialekten und Regionen gibt es große Unterschiede“ weiß Heino Sieberath, Sprachexperte und Geschäftsführer der Sprachschule Berlitz Austria. Gleichzeitig gibt es auch Ausdrücke, die im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt und beliebt sind. Da Jugendliche oft denselben Influencern, Stars und Medien folgen, schnappen sie Ausdrücke auf und integrieren sie in ihren eigenen Wortschatz. Wie stark der regionale Unterschied ist, zeigt das simple Beispiel von dem Ausdruck „Oida“ – der in Deutschland „Alter“ oder „Digger“ ist.
Anglizismen, Turkismen und Arabismen
Ein Merkmal der Jugendsprache ist die Tatsache, dass es zu Entlehnungen aus anderen Sprachen kommt. Dabei handelt es sich allen voran um Anglizismen, aber auch um Turkismen und Arabismen. Christina Siever, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Zürich, nennt dies „Code-Switching“. Das bedeutet, einzelne Ausdrücke aus anderen Sprachen zu übernehmen. Gerade in großen Ballungszentren, in denen viele Kulturen aufeinandertreffen, wissen auch Jugendliche ohne Migrationshintergrund ganz natürlich mit Begriffen oder Routineformeln aus anderen Kulturen umzugehen. Auch wenn es nur Gruß, Abschied und Beleidigung ist. Diese Ausdrücke werden verwendet, um sich von älteren Generationen und von anderen jugendlichen Gruppierungen abzugrenzen. Aber auch andere Aspekte wie Humor, Ironie und Sprachspiele spielten eine Rolle – kein Wunder: Übertreibungen und Intensivierungen, Humor, Ironie und Spiel, Expressivität und Emotionalität prägen die hormongesteuerten Jugendlichen und ihren Sprachgebrauch.
WhatsApp fördert spartanische Sprachökonomie
Screenshots von WhatsApp-Verläufen zwischen pubertierenden Jugendlichen und ihren Eltern – vor allem Großeltern – werden regelmäßig in sozialen Netzwerken zur Erheiterung vieler geteilt. Erwachsene verzweifeln schnell im Chat mit ihren Kindern, da sie die kryptischen Inhalte in Form von Verkürzungen wie „lol“ (laugh out loud) oder „yolo“ (you only live once) nicht entziffern können. Im „Zweiten Bericht zu Lage der deutschen Sprache“ widmet sich Angelika Storrer, Professorin für germanistische Linguistik an der Universität Mannheim, dem Thema internetbasierter Kommunikation – die beliebteste Kommunikationsart von Jugendlichen. Dabei fand sie heraus, dass sich eine neue interaktionsorientierte Haltung zur Schriftsprache herausbildet. Typische Beispiele dafür sind Chats, Messenger-Apps oder Diskussion-Foren, in denen die Schnelligkeit der Reaktion eine höhere Bedeutung hat als eine fehlerfreie Formulierung. Aufgrund der Zeitersparnis und Bequemlichkeit wird vermehrt auf Akronyme und Smileys zurückgegriffen. Es entsteht eine „spartanische Sprachökonomie“.
Wortschatz geht zurück
Sprachwandel hat es immer schon gegeben, nur vollzieht er sich heute rasanter denn je.
Mit über 140 Jahren Erfahrung weiß die Internationale Sprachschule Berlitz aus erster Hand, wie sich die deutsche Sprache verändert. „Wir bemerken einen starken Anstieg der Anglizismen und einen Rückgang des deutschen Wortschatzes, nicht nur bei jungen Menschen”, erklärt Heino Sieberath von Berlitz Austria. „Durch die Daten unseres Einstufungstests, den wir auch online anbieten, erkennen wir einen klaren Trend, dass die Sprachkenntnisse deutlich zurückgehen”, bestätigt Sieberath. Aber war das nicht immer so? Sprache ist ein Prozess. Laute, Wörter, Satzbau und Grammatik sind einem ständigen Wandel unterworfen.
Sprache verändert sich
Damals wie heute vermuten die älteren Generationen einen Sprachverfall, aber nie auf der Grundlage ihrer eigenen Diktion oder ihrer sozialen Blase. Die Schuldigen werden sofort unter den Jugendlichen gefunden. Eine kurzsichtige Auffassung – Sprache verfällt nicht, sie verändert sich von Generation zu Generation – ob es einem gefällt oder nicht. „Noch nie zuvor haben so viele Menschen so viel gelesen, so viel geschrieben oder eine zweite Sprache gesprochen wie heute. Vor allem die Generation der Digital Natives saugt die Information des Internets regelrecht auf. Wie sich die deutsche Sprache in Zukunft wandeln wird, können wir nicht voraussagen. Dass sich die Sprache verändert, ist unbestritten“, fasst Sprachexperte Sieberath zusammen. Das eine oder andere Jugendwort wird uns wahrscheinlich auch in Zukunft erhalten bleiben.
Über Berlitz
Seit genau 140 Jahren öffnet der Weiterbildungsanbieter Berlitz Türen für Menschen, die sich für Sprachen und Kulturen begeistern und ihre Management- und Führungskompetenzen weiterentwickeln möchten. Was als reines Fremdsprachentraining begann, hat sich im Laufe der Jahre zu einem differenzierten Angebot an Kommunikationstrainings für die globale Arbeitswelt entwickelt. Weltweit ist Berlitz an 550 Standorten in über 70 Ländern vertreten. In der Schweiz beschäftigt Berlitz rund 180 Mitarbeiter an sechs Standorten.
Foto: “Heino Sieberath, Geschäftsführer von Berlitz Austria GmbH”
Fotocredit: Berlitz Austria GmbH
Quelle: Berlitz Austria GmbH